Schulbesuch an der Alemannenschule Wutöschingen
11. April 2022
Das Team der Primarschule der formatio Privatschule durfte im Rahmen eines Erasmus+ KA1-Projekts ein „Jobshadowing“ organisieren und im April 2022 schliesslich die Alemannenschule Wutöschingen in Deutschland besuchen.
Ein Erlebnisbericht:
Unser Schulbesuch startet am Montag, den 11. April 2022 in der Grundschule in Degernau. Hier werden die 1. und 2. Stufe mit je zwei Parallelklassen geführt. Schon beim Betreten des Gebäudes werden wir herzlich empfangen und ein Mädchen fragt freundlich, ob wir Hilfe benötigen. Die Zweitklässler beginnen den Tag mit einem Morgenkreis und erzählen lebendig, was sie am Wochenende erlebt haben. Gleich anschliessend folgt die gemeinsame Planung der Deutsch-Lektion. Die Kinder erklären ihrem Lehrer nacheinander, welche Aufgabe nun für sie ansteht. Und dann geht es schon los: Einzelne Kinder finden sich im Gruppenraum oder im Gang ein. Anhand verschiedener Übungsformate prägen sie sich spielerisch Lernwörter ein. Andere Schüler und Schülerinnen bleiben lieber im Klassenzimmer und starten mit dem sogenannten „Gelingensnachweis“ in Form eines Diktats. Dieses können die Kinder am iPad abrufen und dann in ihrem eigenen Tempo schreiben. Besonders eindrücklich ist für uns, wie leise und selbstständig die Kinder an ihren Aufgaben arbeiten. Vielfältiges und für alle zugängliches Material sowie verschiedene Sitzmöglichkeiten, wie zum Beispiel die „Lernwaben“ im Gang, laden zum Lernen ein. Die Lehrpersonen wirken entspannt. Sie nehmen sich aktiv Zeit für einzelne Kinder – gleichzeitig haben sie das Unterrichtsgeschehen stets im Blick. Ein Handheben und geduldiges Warten – alles ohne mündliche Anweisung – fordert die Kinder auf, ihre Aufmerksamkeit nun wieder auf die Lehrperson zu richten.
Konzentration und Selbstständigkeit
Auch bei den Erstklässlern wird Selbstständigkeit und konzentriertes Lernen gross geschrieben. Ein Holzklotz mit Namen sowie einen grünen und einer roten Seite fällt uns ins Auge. Je nachdem wie der Klotz aufgestellt ist, weisen die Lernenden darauf hin, dass sie nicht gestört werden möchten oder aber, dass sie Hilfe benötigen. Ein Mädchen beobachtet uns und meint dann nach einiger Zeit bestimmt aber freundlich: „Könnt ihr bitte aufhören, mich beim Lernen zu stören?“ Wir lachen und entschuldigen uns. Die Selbstständigkeit wird durch einen klaren und strukturierten Arbeitsplan gefördert, welchen die Kinder schrittweise abarbeiten. Alle wissen genau, was zu tun ist. Während die meisten Lernenden also an ihrem Deutschplan arbeiten, löst ein Mädchen jedoch selbstständig einen Gelingensnachweis in Mathematik.
Am Ende des Tages sind wir sichtlich beeindruckt von der ruhigen Lernatmosphäre und der Selbstständigkeit der Kinder und gleichzeitig freuen wir uns, dass wir Parallelen zu unserem eigenen Lernverständnis und den Unterrichtsformen an der formatio Privatschule erkennen können.
Lernumgebung als dritter Pädagoge
Am Dienstag, den 12. April 2022 erhalten wir eine Führung durch die Gemeinschaftsschule der Alemannenschule Wutöschingen. Schon vor unserem Besuch hatten wir begeistert gelesen, dass typische Strukturen wie Klassenzimmer und Jahrgangsstufen aufgebrochen und Bezeichnungen wie „Lehrpersonen“ und „Schüler/innen“ neuen Begriffen weichen. Die Jugendlichen nennen sich einfach „Lernpartner“ und die Lehrpersonen verstehen sich an dieser Schule als „Lernbegleiter“. Es gibt gemischte Lerngruppen der Stufen 5 bis 7 sowie 8 bis 10. Beim Betreten der Gebäude merken wir sofort, dass die tolle Einrichtung und Architektur zum Lernen einlädt. Hier wird die Bedeutung des Konzepts „Raum als dritter Pädagoge“ ersichtlich. Im Erdgeschoss befinden sich in allen Gebäuden die Garderoben sowie der sogenannte „Marktplatz“. Hier herrscht reges Treiben. In gemütlichen Ecken mit Designermöbeln oder an Tischen können die Lernpartner kollaborativ arbeiten und sich austauschen. Für mehr Privatsphäre können auch Vorhänge gezogen werden. Um ihre Ziele zu erreichen, werden die Lernpartner einmal wöchentlich von ihrem Lernbegleiter gecoacht. Dazu gibt es extra Coachingräume. Ebenfalls neu für uns sind die sogenannten Input-Räume, in welchen frontale Unterrichtssessions von maximal 20 Minuten stattfinden. Die Inputs können die Lernpartner freiwillig und je nach Bedarf besuchen. Es gibt Stehpulte oder ovale Tische und die technische Ausstattung lässt keine Wünsche offen.
Vom „Starter“ zum „Durchstarter“
Im ersten Stock befinden sich jeweils die Lernateliers. Jeder Lernpartner und jede Lernpartnerin richtet sich innerhalb seiner Lerngruppe einen eigenen, fixen Arbeitsplatz ein. Auch hier entdecken wir die Holzklötze aus der Grundschule wieder. In den Gängen steht das komplette Lernmaterial in zimmerhohen Regalen in Ordnern und Boxen zur Verfügung. Die meisten Lernenden nutzen jedoch die Möglichkeit, digital auf das Lernmaterial zuzugreifen. So erarbeiten sie sich anhand der Stempelkarten die geforderten Kompetenzen und halten diese mit erfolgreichem Abschluss der Gelingensnachweise fest. Wir erfahren, dass die Lernpartner gewisse Rechte und Pflichten besitzen. Wer neu an die Schule kommt, ist ein „Starter“. Wer sich im Lernen beweist, kann sich zum „Durchstarter“ hocharbeiten und dann beispielsweise sogar von zu Hause oder im Freien lernen. Wer sich nicht an Regeln hält oder die Ziele nicht erreicht, bekommt als „Neustarter“ eine neue Chance und wird dabei enger vom Lernbegleiter geführt und unterstützt. Wir erfahren, dass die Alemannenschule jeden zweiten Montag eine grosse Besuchergruppe empfängt und so fühlt sich unsere Führung plötzlich wie eine exklusive Privattour an. Die immer grösser werdende Bekanntheit der Schule kommt uns wie ein Segen und Fluch zugleich vor. Durch die Nominierung für den deutschen Schulpreis 2019 und 2021 erhält die Schule ihre wohl verdiente Anerkennung, gleichzeitig scheint der Ansturm auf das innovative Schulkonzept nun riesig. Auch für den Schuleintritt erhält die Alemannenschule viele Anfragen und so muss im Losverfahren darüber entschieden werden, welche externen Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden. So hören wir von Anfragen aus Zürich oder Kindern, welche täglich über eine Stunde Schulweg auf sich nehmen, um Teil der Alemannenschule Wutöschingen zu sein.
Fundament des selbstorganisierten Lernens
Anschliessend an die aufschlussreiche Schulführung dürfen wir in einige Lektionen der 3. und 4. Klasse der Grundschule in Wutöschingen hineinschnuppern. Nachdem die Lehrperson die schriftliche Subtraktion im Plenum wiederholt hat, starten die Kinder anschliessend wieder in eine Arbeitsphase mit der Stempelkarte in Mathematik. Wieder fällt uns die ruhige und konzentrierte Lernatmosphäre auf. Uns wird klar, welch wichtiges Fundament die Lehrpersonen in der Grundschule legen, damit das selbstorganisierte Lernen in den höheren Stufen überhaupt vorausgesetzt werden kann. Wir erfahren, dass die Grundschule im neuen Schuljahr 2022/23 auf das Konzept der „Familienklassen“ umstellen wird, wobei die Stufen 1 bis 4 eine Lerngruppe bilden und gemischt unterrichtet werden. Dies wird sicherlich eine neue Herausforderung für die Alemannenschule Wutöschingen darstellen, welche wir aus unserer positiven Erfahrung mit altersdurchmischten Klassen nur unterstützen können.
Ein Ort des Lernens und der Gemeinschaft
Als eine der ersten Besuchergruppen überhaupt, dürfen wir am Mittwoch, den 13. April 2022 schliesslich den Neubau des Oberstufengymnasiums auf dem Campus der Alemannenschule Wuötschingen bestaunen. Auch hier finden sich unzählige Möglichkeiten für Gruppenarbeiten, Diskussionen, Coaching-Gespräche und Inputs. Wir entdecken gemütliche Ruhe- und Schlafräume, ein Sprachencafé sowie eine grosszügige Terasse. In Zukunft sollen die Lernenden sogar entscheiden können, zu welchen Tageszeiten sie hier lernen möchten. Noch im Aufbau befindet sich gerade ein Tanz- und Fitnessraum. Dieser soll später von Lernpartnern und Lernbegleitern gleichermassen in der Freizeit genutzt werden. Wir merken deutlich, dass sich hier alle auf Augenhöhe begegnen. Auch wir Besucher werden stets freundlich und offen begrüsst und die Jugendlichen wirken ausgelassen und motiviert. Ebenfalls eindrücklich ist der Saal mit den grossen Stufen, wo in Zukunft auch öffentliche Veranstaltungen oder Konzerte stattfinden sollen. Die Schule inspiriert als motivierender Ort des lebenslangen Lernens und der aktiv gelebten Gemeinschaft.
Begeisterung macht sich breit
Als wir am Ende des Tages eine Joggingrunde durch das Nachbarsdorf machen, hören wir auf dem Spielplatz zufällig ein Gespräch zwischen einer Gruppe Kinder mit. Wie könnte es anders sein, geht es um die Alemannenschule Wutöschingen und die Kinder erklären begeistert, wie sehr sie sich schon darauf freuen, nach dem Sommer ein „Starter“ zu werden. Wir schauen uns gegenseitig an und sind uns einig, dass die Begeisterung auch uns komplett angesteckt hat.
Auch der intensive Austausch mit den Lehrpersonen hat uns bestärkt, dass Innovation durch die Freude am Lernen und grosses Engagement Schritt für Schritt möglich ist. Mit vielen bleibenden Eindrücken, neuen Ideen und herzlichen Begegnungen mit den Menschen der Alemannenschule Wutöschingen machen wir uns wieder auf den Heimweg nach Liechtenstein und möchten die gelebte Begeisterung fürs Lernen auch an der formatio Privatschule noch weiterentwickeln