10. Liechtensteinische Bildungsforum
2. Oktober 2025
KI statt Bildung?
Unter dieser provokant gestellten Themafrage fand am 2. Oktober 2025 das 10. Liechtensteinische Bildungsforum statt, das von der formatio Privatschule veranstaltet wurde und dessen Kernstück der Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Zankl bildete.
In ihrer Begrüssung wandte sich die Schulleitung der formatio Privatschule, OSR. Eva-Maria Winter-De Rouin, MEd., an die über 200 Zuhörenden im Gemeindesaal Triesen und stellte die offene Frage, ob Künstliche Intelligenz inskünftig die Lehrpersonen entlasten oder ersetzen werde. Der Verwaltungsratspräsident der formatio Privatschule, Mag. iur. Stefan Ritter, hob in seiner Begrüssung die inspirierende Zusammenarbeit seit 2012 mit Prof. Zankl, den er als seinen Mentor bezeichnete, im Spannungsfeld Recht, Digitalität und Bildung hervor, die stets dem Innovationsgeist verpflichtet ist und junge Menschen auf die komplexen Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.
Prof. Dr. Zankl startete seinen Vortrag mit einem KI-generierten Song, der offiziellen Hymne der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien (SFU). Danach berichtete er, wie er vor genau 20 Jahren seine Tätigkeit als Professor mit einem Lehrgang für Vermögensmanagement begann. Dabei knüpfte er wertvolle Kontakte zu Hongkong und hatte damals erste Kontakte zur Künstlichen Intelligenz. Daraus ergab sich eine langjährige Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität in Tianijn. Er betonte, dass Europa in Sachen Künstliche Intelligenz sehr weit hinter China und den USA zurückliege. Danach richtete er sich an das Publikum und meinte, dass die Künstliche Intelligenz sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche betreffe und wahrscheinlich nicht die Bildung ersetzen werde. Dann griff er den Gedanken des Mentors von Stefan Ritter auf und erklärte seinerseits, dass der Gründer der formatio Privatschule, Dr. Peter Ritter, für ihn ein wichtiger Mentor ist und dass er ihn stets für seine Agilität bewundert hat, und überreichte anschliessend Helma Ritter, der Frau von Peter Ritter und Schulgründerin, ein Geschenk, und zwar den über 1200 Seiten umfassenden Kurzkommentar zur KI-Verordnung.
Prof. Zankl fuhr mit einigen erstaunlichen Fakten fort. So glauben laut einer Umfrage 90 % aller deutschen Unternehmer, dass die Künstliche Intelligenz für sie essentiell werde. Zudem berichtete er von der KI-Anwendung ChatGPT, die Universitäts-Abschlussprüfungen von Rechtsanwälten und Medizinern zu 90 % richtig bestanden hatte. In diesem Zusammenhang betonte er den Zeitenwandel, den KI darstelle und der mindestens genauso bedeutend wie die Einführung des Internets sei. Allerdings führte er auch an, dass die KI-Anwendung ChatGPT ihre Grenzen habe, so habe sie bei aktuellen Entwicklungen, wie z.B. bei Neuverordnungen im österreichischen Erbrecht, falsch gelegen. Aber dies werde sich ändern, sobald die Rechenleistungen der Computer sich erheblich verbessern werden, wie dies bereits bei der Entwicklung von Quantencomputern absehbar ist, die wohl bereits in fünf, sechs Jahren marktreif seien. Dann könnten diese KI-Anwendungen auch rasch auf neue und neueste Entwicklungen reagieren und diese implementieren.
In einem weiteren Schritt berichtete Prof. Zankl, dass eine neue Kooperation zwischen dem KI-Center von Stefan Ritter und der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien (SFU) in den Bereichen Vermögensverwaltung und Bildung gestartet wird. Im Bereich Bildung wird der formatio Privatschule als «playground» eine besondere Pionierrolle zukommen. Danach ging Prof. Zankl auf die Chancen der Künstlichen Intelligenz ein. KI kann auf die moderne Gesellschaft mit Individualisierung reagieren und dabei die Stärken der Lernenden individueller stärken, während die klassische Bildungslandschaft im deutschensprachigen Raum immer noch aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammt und in ihrem Kern nach wie vor Punkte wie Migration und Heterogenität ausblendet. Vor allem in kleineren Ländern, wie dem Fürstentum Liechtenstein, ist die KI besser anwendbar.
Zu den Risiken der Künstlichen Intelligenz zählte Prof. Zankl einerseits das sogenannte Halluzinieren, d.h. dass die KI-Anwendungen teils bewusst verschwommene und unrichtige Antworten geben, und andererseits die Einschränkung gewisser kognitiver Fähigkeiten sowie der Kreativität. Daher riet er, dass inskünftig schriftliche Arbeiten im Unterricht und nicht zuhause erledigt werden sollten. Er schlug vor, dass diese Massnahme sofort beginnen sollte. Ausserdem erachtete er es für falsch, überhaupt nicht mit der Anwendung von KI zu beginnen, diese sei mittlerweile ein zentraler Bestandteil in der Schule.
Als Massnahme, wie man den Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz begegnen sollte, führte Prof. Zankl am Ende seines Vortrags als erstes die Ausbildung der Lehrpersonen auf, da diese auf Augenhöhe mit den Lernenden sein müssen. In diesem Zusammenhang verwies er auf Art. 4 der KI-Verordnung hin, wonach alle, die mit KI arbeiten, diese auch richtig anwenden müssen. Zudem betonte er die neue Rolle der Lehrpersonen, diese seien nun keine Wissensvermittler mehr, sondern Begleiter, die den Lernenden helfen sollen, die mit KI generierten Ergebnisse richtig einzuordnen und zu bewerten. Prof. Zankl trat entschieden dafür ein, die Künstliche Intelligenz ohne Einschränkungen in allen Fächern zuzulassen.
In der anschliessenden Diskussion, die Alexa Ritter mit Prof. Zankl und Prof. Dr. Horst Biedermann, dem Rektor der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, führte, ging es zunächst um die Beantwortung der provokant gestellten Themafrage «KI statt Bildung?». Prof. Zankl lehnte diese ab, da Künstliche Intelligenz keine Menschen ersetze und umgekehrt keine Bildung mehr ohne KI möglich sei, zumal seiner Meinung nach in zehn Jahren KI die Welt beherrschen werde. Prof. Biedermann lehnte ebenfalls die Themafrage ab und führte als Begründung den historisch gewachsenen Bildungsbegriff an. Er benannte dabei das Problem, dass die nachfolgende, junge Generation auf die Zukunft vorbereitet werden müsse, auch wenn die heutige Schule dies noch nicht leisten könne, da sie nach wie vor auf dem Stand der Industrialisierung basiert und immer noch die Wissensvermittlung in den Vordergrund stellt. Ausserdem plädierte er ausdrücklich für ein Aufbrechen der bisherigen schulischen Zeitstrukturen von 45 min bzw. 90 min sowie der räumlichen und thematischen Strukturen.
Die Moderatorin Alexa Ritter fragte anschliessend nach der Rolle des Menschen in Zeiten der Künstlichen Intelligenz. Prof. Zankl meinte, dass die Menschlichkeit bestehen bleibe, dass soziale Begegnungen nach wie vor wichtig seien, genauso wie die Kreativität. Er fügte allerdings hinzu, dass gewisse repetitive Tätigkeiten in Zukunft obsolet und durch KI ersetzt werden. Ausserdem betonte er, dass KI nicht alles übernehmen könne, da schlussendlich immer ein Mensch die Ergebnisse überprüfen müsse. Zudem sei der Datenschutz immer noch sehr wichtig, das Problem sei jedoch, dass viele Menschen sorglos mit ihren Daten umgehen und diese freiwillig preisgeben würden. Dafür müsse ein entsprechendes Bewusstsein gebildet werden. Prof. Biedermann hob hervor, dass die Rolle des Menschen bedeutsamer werde, wenn verantwortungsbewusst mit KI umgegangen werde. Er setzte sich für eine verstärkte Urteilsbildung und für kritisches Denken ein, stellte die Subjektivität in den Vordergrund und bevorzugte menschliches Denken. Ferner beobachtete er die zunehmenden Schattenseiten der Digitalisierung, wie die Zunahme von Cybermobbing, von Einsamkeit und von Angststörungen. Darauf müssten die Schulen gezielter reagieren. Nach wie vor sei die Schulung der Kulturtechniken in Mathematik und in der Muttersprache essentiell. Für ihn rücke die Problemlösefähigkeit immer mehr in den Fokus.
Abschliessend stellte Alexa Ritter die Frage, wie die Schule im Jahr 2040 aussehe. Prof. Zankl betonte, dass die KI-Kompetenz im Vordergrund stehen werde. Prof. Biedermann meinte, dass die festen Strukturen wie Räume und Zeiten aufgelöst seien. Gute Bildung bestehe laut Prof. Zankl darin, sich ein gutes Bild von der neuen Realität, nämlich Künstliche Intelligenz, zu machen, während Prof. Biedermann den verantwortungsvollen Umgang damit betonte, nämlich ohne sie und mit ihr umgehen zu können.
Christian Buchholz
Hier der Link zum Beitrag von 1FLTV